Unter Hochbegabung versteht man eine intellektuelle Begabung, die weit über dem Durchschnitt liegt. Dabei geht man von einem Generalfaktor der Intelligenz („g“) aus, mit dem man Menschen auf Grund ihrer intellektuellen Befähigungen in unterschiedliche Gruppen einteilen kann. Demnach kann jemand als hochbegabt bezeichnet werden, der in einem standardisierten Intelligenztest den Mittelwert um zumindest zwei Standardabweichungen überschreitet, wobei diese Werte nur innerhalb einer Generation bzw. eines Landes miteinander vergleichbar sind.

Ursachen für Hochbegabung

Es wird angenommen, das verschiedene günstige Faktoren zu einer Hochbegabung führen können. Das Potential zum Erbringen herausragender Leistungen bzw. die Begabung sind genetisch bedingt, allerdings ist diese Komponente nicht ausreichend, um eine Hochbegabung auszubilden. Das heißt, auch das Umfeld spielt dabei eine wesentliche Rolle. So wird die Intelligenzentwicklung eines Kindes zum Teil von seiner sozialen Herkunft bestimmt und auch das Sprachumfeld spielt eine nicht unwesentliche Rolle. Nicht zu unterschätzen ist außerdem das elterliche Erziehungsverhalten sowie die Ernährung. So hat beispielsweise Unterernährung gravierende Folgen für das Sozialverhalten sowie die Intelligenzentwicklung. Wichtige Faktoren für das Herausbilden einer Hochbegabung zeigt auch das triadische Interdependenzmodell nach Mönks (1994), wonach das Zusammentreffen der Faktoren Familie, Freunde und Schule besondere intellektuelle Begabungen sowie die persönlichen Eigenschaften Kreativität und Motivation eine Hochbegabung erst wahrscheinlich machen. In seinem Münchner Hochbegabungsmodell unterscheidet auch Heller (2001) zwischen so genannten nicht-kognitiven Persönlichkeitsmerkmalen (Lernstrategien, Stressbewältigung, Leistungsmotivation) und Umweltmerkmalen (Klassenklima, Lebensereignisse, familiäre Lernumwelt), die ebenfalls großen Einfluss auf die intellektuelle Entwicklung haben. Auch die Bereiche Training, Lernen und Praxis sind äußerst wichtig, um aus einer Begabung eine Leistung bzw. ein Talent zu machen. Nach Howard Gardner gibt es sieben verschiedene Intelligenzbereiche, in denen Hochbegabung auftreten kann. Dazu zählen die sprachliche Intelligenz, die logisch-mathematische Intelligenz, die räumliche Intelligenz, die motorisch-kinästhetische Intelligenz, die soziale (interpersonale) Intelligenz, die intrapersonale Intelligenz (Sensibilität für die eigene Empfindungswelt) sowie die musikalische Intelligenz.

Hinweise auf eine Hochbegabung

Es gibt unterschiedlichste Indizien, die auf eine mögliche Hochbegabung hinweisen können. Allerdings gibt es keinen fest definierten Kriterienkatalog, die Anzeichen finden jedoch auch bei einer professionellen Diagnose Verwendung, um so ein genaues Begabungsprofil erstellen zu können. Dabei beziehen sich viele Hinweise auf Kinder und Jugendliche, da die meisten Hochbegabten schon im Kindesalter entdeckt werden. In der Praxis treten jedoch nie alle Indizien gemeinsam auf, bei einigen handelt es sich auch um problemorientierte Anzeichen, die nur auf einen kleinen Teil Hochbegabter zutreffen.

Im Allgemeinen können drei Bereiche unterschieden werden, in denen Hinweise für eine Hochbegabung beobachtbar sind (Quelle: Bundesministerium für Bildung und Forschung 2009, „Begabte Kinder finden und fördern“). Sehr aussagekräftige Anzeichen finden sich im Denken und Lernen. Hochbegabte Kinder sind in der Lage, sich Wissen sehr rasch anzueignen und komplexe Sachverhalte zu erkennen. Darüber hinaus verfügen sie über eine ausgezeichnete Merkfähigkeit und ein außerordentlich hohes Detailwissen und können Problemstellungen oftmals auf sehr originelle Weise lösen. Häufig streben sich nach Perfektion und sind, wenn sie diesen Ansprüchen nicht gerecht werden, rasch entmutigt. Hochbegabte Kinder bevorzugen meist ein selbst gesteuertes sowie unabhängiges Lernen und zeigen ausgeprägtes Interesse auf unterschiedlichsten Gebieten. Im sozialen Bereich fällt es ihnen nicht leicht, sich unreflektiert unterzuordnen, sondern sie neigen dazu, Meinungen kritisch zu prüfen. Sehr oft haben sie auch ältere Freunde und zeigen einen stark ausgeprägten Individualismus. Alle diese Merkmale sind aber stets nur erste Hinweise und erfordern eine weitere umfassende psychologische Diagnostik.

Diagnosestellung

Im Rahmen einer Hochbegabungsdiagnostik werden zunächst die allgemeinen kognitiven Fähigkeiten überprüft. Dazu bedient man sich standardisierten Intelligenztests, die sowohl das individuelle Leistungsprofil als auch den Gesamt-Intelligenzquotienten (IQ) abbilden. Bei etwa zwei Drittel der Bevölkerung liegt dieser zwischen 85 und 115, um eine kognitive Hochbegabung zu diagnostizieren, orientiert man sich an Werten ab 130. Eine umfassende Diagnose bezieht aber auch Gespräche mit Eltern, Kindern und Lehrern sowie Beobachtungen während der Tests mit ein.

Entwicklung von Hochbegabten

Im Kindesalter kann die sozio-emotionale bzw. motorische Entwicklung mit der kognitiven Entwicklung oftmals nicht Schritt halten. Aus diesem Grund ist es äußerst wichtig, dass das schulische Angebot mit der Bedürfnislage des hochbegabten Kindes übereinstimmt, da es sonst sehr leicht zu Leistungsabfall und Motivationsverlust kommen kann. Allerdings ist davon nur ein geringer Teil aller Hochbegabten betroffen. Der Großteil entwickelt sich normal, was auch Längsschnittstudien aus München (Kurt A. Heller), Marburg (Detlef Rost) und Kalifornien (Lewis Madison Terman) beweisen.

Probleme bei Hochbegabung

In manchen Fällen kann es sein, dass eine Hochbegabung durch unterschiedliche Beeinflussungen wie Legasthenie, Dyskalkulie oder ADHS auch unentdeckt bleibt. Des Weiteren gibt es auch hochbegabte Kinder und Jugendliche, deren Schulleistungen nicht auf eine Hochbegabung schließen und die als so genannte „Underachiever“ (hochbegabte Leistungsverweigerer) bezeichnet werden. Ein Underachievement weist unter Umständen auf einen ungünstigen Entwicklungsverlauf hin, wodurch der Hochbegabte seine intellektuellen Fähigkeiten nicht richtig umsetzen kann. Dadurch ist es möglich, dass die Betroffenen auffällig reagieren, da sie kein Interesse mehr an einer bestimmten Leistung aufweisen. Auch eine ständige Unter- oder Überforderung kann das Ausbilden eines Underachievements beeinflussen.

Spezielle Ausbildungen, wie beispielsweise der Kurs zum Sozialtrainer, helfen Lehrern, Erziehern oder Sozialarbeitern dabei, Sensibilität für hochbegabte Kinder und Jugendliche zu entwickeln, sodass eine mögliche Hochbegabung erkannt und von einem qualifizierten Psychologen diagnostiziert werden kann.

Darüber hinaus ist auch ein Auftreten von Teilleistungsschwächen bei Hochbegabten möglich. Davon ist ein Teilbereich des Lernens wie zum Beispiel das Rechnen oder Lesen und Schreiben betroffen. Außerdem kann eine Hochbegabung auch zeitgleich mit ADS oder ADHS auftreten. Für eine frühzeitige Erkennung und Diagnose ist auch dafür eine gezielte Beobachtung erforderlich.

Was können Eltern und Lehrer tun?

Äußerst wichtig ist, dass hochbegabte Kinder und Jugendliche so wie sie sind wertgeschätzt und anerkannt werden. Lehrer sollten versuchen, ihren Wissensdrang zu unterstützen, darüber hinaus ist auch eine angemessene außerschulische Förderung von Vorteil. Auch das Überspringen von Klassen oder eine Einschulung zu einem früheren Zeitpunkt kann hilfreich sein. Für Eltern ist es wichtig, ihren Kindern genügend Freizeit zu lassen und keinen Förderwahn zu entwickeln. Von Vorteil kann auch der Kontakt zu anderen hochbegabten Gleichaltrigen sein, wobei hier spezielle Ferienakademien oder Förderkurse angeboten werden. Abschließend kann gesagt werden, dass „Begabung keine Krankheit oder Behinderung ist, sondern ein Geschenk für das Kind, für die Familie und für die ganze Gesellschaft. Hochbegabte Kinder sind keine „besseren“ Kinder. Sie brauchen aber, um sich harmonisch und glücklich entwickeln zu können – genauso wie jedes andere Kind auch – eine Förderung, die ihren Bedürfnissen gerecht wird.“ (Deutsche Gesellschaft für das hochbegabte Kind e.V.)