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Was ist Legasthenie/LRS?

Experten bezeichnen ca. 10 bis 15 % der Weltbevölkerung als legasthen. In Deutschland wird davon ausgegangen, dass 5 % aller Schüler Schwierigkeiten beim Erwerb und der Anwendung von Lese- und Rechtschreibfähigkeiten haben.

Was bedeuten die Begriffe Legasthenie und LRS?

Legasthenie & LRS
Legasthenie & LRS Was ist das?

Auf der Suche nach einer Definition der Legasthenie ist selbst die Uneindeutigkeit der Begriffsbestimmung in der Fachliteratur verwirrend. Nebeneinander und, je nach Autor unterschiedlich gewichtet, werden die Bezeichnungen „Lese-Rechtschreibstörung“, „Leseschwäche“ „Lese–Rechtschreibschwäche“, „Dyslexie“, oder „Dysgrammatismus“ benutzt. Im deutschsprachigen Raum werden die Begriffe Legasthenie und LRS oftmals gleichgesetzt. Die fehlende Unterscheidung führt zu fatalen Folgen in der Förderung.

Ein kurzer Abriss der verschiedenen Ansichten und Definitionen sollte etwas Licht ins Dunkel bringen.

Geschichtlicher Ursprung*

Ende des 19. Jahrhunderts erwähnte der Augenchirurg Thomas Hunt Morgan als Erster den Begriff der „Wortblindheit“. Die Bezeichnung „Legasthenie“ wurde 1916 durch den ungarischen Psychologen Pál Ranschburg eingeführt und bedeutet „Leseschwäche“ (lateinisch legere = lesen, griechisch astheneia = Schwäche).
Die Forschung der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hatte eine Pathologisierung legasthener Menschen zur Folge, da sich fast ausschließlich die Medizin mit der Thematik befasste, ohne nach psychologischen oder biologischen Ursachen suchte. Um die medizinische Konnotation zu vermeiden, wurde der Begriff „Legasthenie“ dann auch 1978 von der deutschen Kultusministerkonferenz offiziell abgeschafft – dennoch wird er weiterhin benutzt.

Die World Health Organization (WHO) definiert die „umschriebene Lese-Rechtschreibstörung“ bzw. eine isolierte Rechtschreibstörung unter „Entwicklungsstörungen schulischer Leistungen“.

“The main feature is a specific and significant impairment in the development of reading skills that is not solely accounted for by mental age, visual acuity problems, or inadequate schooling. Reading comprehension skill, reading word recognition, oral reading skill, and performance of tasks requiring reading may all be affected. Spelling difficulties are frequently associated with specific reading disorder and often remain into adolescence even after some progress in reading has been made. Specific developmental disorders of reading are commonly preceded by a history of disorders in speech or language development. Associated emotional and behavioural disturbances are common during the school age period.”

Vom britischen Parlament akzeptierte Definition

Diffuse Informationen, ein geringes Hintergrundwissen und eine noch nicht ausreichende Öffentlichkeitsarbeit erschweren einen wertfreien Umgang mit dem Thema Legasthenie. Auch einige Fachleute stellen ganz offiziell die Frage, ob man nicht ohne den angeblich stigmatisierenden Begriff auskommen kann, da dieser nun doch im Laufe der Zeit überwunden sei und durch „Nicht–richtig-lesen-und-schreiben-können“ ersetzt werden könne. Die Anti-Legasthenie-Haltung gipfelte in Großbritannien in einem Fernsehprogramm mit dem Titel „Der Mythos Legasthenie“, das von vielen erwachsenen Legasthenikern und von der Britischen Dyslexia Association scharf kritisiert wurde. Am 7. Dezember 2005 fand daraufhin eine ausführliche Debatte im House of Lords statt, in der Lord Adonis als Vertreter des Parlaments und Minister für Bildung und Erziehung gebeten wurde, eine eindeutige Stellung zu den Problemen legasthener Menschen zu beziehen.
Lord Adonis betonte schließlich, dass das britische Parlament Legasthenie als komplexe neurologische Lerngegebenheit verstehe. Menschen mit einer Legasthenie benötigten besonderer Unterstützung, um lesen und schreiben zu lernen und um das für den schulischen und beruflichen Erfolg so wichtige Textverständnis entwickeln zu können. Er berief sich auf eine im Jahre 1999 von der Britischen Psychologischen Gesellschaft zusammengestellte und vom Parlament akzeptierte Definition, auf die Fachkräfte aufbauen können, ohne sich weiter mit wenig produktiven Argumenten zu belasten:

„Eine Legasthenie liegt offensichtlich dann vor, wenn akkurates flüssiges Wortlesen oder -schreiben sich nicht vollständig oder nur mit großen Schwierigkeiten entwickelt. Im Brennpunkt steht dabei ein schweres und anhaltendes Problem mit dem Lesen- und Schreibenlernen auf der Wortebene trotz angemessener Beschulung. Dies ist die Ausgangsbasis für einen stufenweise sehr genau zu überwachenden Lernprozess.“

Bei dieser Debatte wurde darauf hingewiesen, dass ein großer Teil von Schulversagern und auch von Gefängnisinsassen legasthene Veranlagungen habe. Da nicht frühzeitig und mit adäquaten Förderangeboten auf die Schwäche reagiert werde, seien in der Folge kostspielige Interventionen unvermeidbar. Nachträglich installierte Sozialprogramme etwa verschlingen ein Vielfaches im Vergleich zu Präventivmaßnahmen und eine individuelle Förderung schon in den ersten Grundschulklassen. Jedoch sind die entstehenden Therapiekosten meistens so hoch, dass sie von vielen Eltern kaum alleine getragen werden können.

Pädagogische Definition

„Ein legasthener Mensch, bei guter oder durchschnittlicher Intelligenz, nimmt seine Umwelt differenziert anders wahr, seine Aufmerksamkeit lässt nach, wenn er auf Buchstaben oder Zahlen trifft, da er sie durch seine differenzierten Teilleistungen anders empfindet als nicht legasthene Menschen. Dadurch ergeben sich Schwierigkeiten beim Erlernen des Lesens, Schreibens und Rechnens.“
(Dr. Astrid Kopp-Duller, 1995)

Die Legasthenie ist zunächst ein Thema, das pädagogischer Hilfe, Unterstützung im Aufmerksamkeitsbereich, Schulung der Sinnesfunktionen und geeigneter pädagogisch- didaktischer Lehrmethoden bedarf. Bei individueller, alle Sinne umfassender Förderung können gute Erfolge verzeichnet werden. Nur wenn eine Legasthenie nicht frühzeitig erkannt wird, kann es zu Sekundärproblematiken kommen.

Schulische Fehlleistungen bedürfen schulischer, pädagogischer und häuslicher Unterstützung – vorzugsweise einer Zusammenarbeit von Elternhaus, Lehrer/innen und Spezialisten im Bereich der Legasthenie- und Lerntherapie.

Unterscheidung von Legasthenie und LRS

Die Legasthenie ist eine genbedingte (vererbte) Problematik im Bereich des Lesens und Schreibens. Neuere Forschungen weisen darauf hin, dass die Chromosomen 1, 2, 6, 15 und 18 eine wichtige Rolle spielen bei dem Auftreten der Legasthenie spielen.

Die Lese-Rechtschreib-Schwäche (LRS) hingegen ist erworben. Gründe hierfür können längere Krankheit und der damit verbundene Schulausfall sein, eine unzureichende Beschulung aufgrund falscher Lern- oder Lehrmethoden, familiäre Probleme durch Krisen wie Scheidung, Todesfall, Umzug und ähnliches sein.

Eine Differenzierung der beiden Begriffe wird im deutschsprachigen Raum selten bis nie vorgenommen. Da jedoch die Förderansätze völlig unterschiedlich sind, ist eine präzise Abgrenzung die Voraussetzung für ein angemessenes und erfolgreiches Training.

Legasthene Kinder werden in den drei Bereichen der Aufmerksamkeit, der Sinneswahrnehmungen und der Symptome individuell gefördert. Ein alleiniges Symptomtraining, das den Schwerpunkt in der Arbeit mit LRS-Kindern bildet (Erlernen von Rechtschreibregeln, Arbeiten „an den Fehlern“), führt bei Legasthenikern nicht zur Beendigung ihrer großen Herausforderungen oder zum Erfolg.

Legasthenie:

  • Training der Aufmerksamkeit
  • Training der Sinneswahrnehmungen
  • Training der Symptome

Lese-Rechtschreib-Schwäche (LRS):

  • Training und Erarbeitung von Regelwissen steht im Vordergrund

Definitions-Dschungel?

Da die Vielzahl der Definitionen von unterschiedlichen Berufsgruppen erstellt wurde, möchte selbstverständlich auch jeder die eigene Sicht und den eigenen Ansatz des Fachgebietes mit einbringen.

Unabhängig von jeglicher Begriffssuche steht immer der legasthene Mensch im Vordergrund. Er ist legasthen – jedoch weder krank noch behindert!

Symptome einer Legasthenie

Wer nun auf der Suche nach „dem einem“ offensichtlichen, einzigen und allgemeinen Erscheinungsbild von Legasthenie ist, wird enttäuscht werden: Jedes legasthene Kind hat „seine“ individuelle Legasthenie. Es können keine zwei Kinder mit denselben Kennzeichen oder Symptomen gefunden werden. Betroffene haben individuelle vielschichtige Schwächen, aber auch ebensolche Stärken. Es folgt eine Liste mit einem Auszug von Merkmalen, welche möglicherweise zu beobachten sind und auf eine Legasthenie hinweisen können. Treffen mehrere Punkte bei einem Kind über einen längeren Zeitraum ohne erkennbare äußere Gründe zusammen, empfiehlt sich eine Abklärung durch einen Spezialisten.

Auffälligkeiten im Vorschulalter

  • Das Kind hat keine robbende und/oder eine verkürzte Krabbelphase durchlaufen
  • zeigt verspätetes Gehen, eine schlechte Körperkoordination
  • fällt über nicht vorhandene Gegenstände
  • hat Schwierigkeiten beim Umgang mit Besteck, Schere, Schnürsenkeln, Knopflöchern
  • zeigt oft Koordinationsschwierigkeiten beim Malen oder motorische Schwächen beim Sport wie Rad-, Skifahren, Schwimmen
  • schafft eigene Wörter wie „Wasseral“ statt „Mineralwasser“
  • spricht spät/lispelt/stottert/stammelt
  • hat Schwierigkeiten beim Merken von Reimen und Liedern sowie bei Memory- und Puzzlespielen

Auffälligkeiten im Verlauf der Schulzeit

  • Das Schulkind ist leicht ablenkbar, wenn es um jegliche Arbeit mit Symbolen, also Buchstaben und Zahlen, geht
  • ermüdet schnell
  • hat scheinbare Seh- sowie Hörprobleme, auch öfter sprachliche Mängel, die jedoch vom Arzt nicht als organisch diagnostiziert wurden
  • weist Probleme im Bereich von „Raum und Zeit“ auf
  • zeigt eine verkrampfte Körperhaltung und
  • hat ein unleserliches Schriftbild.

Des Weiteren können sich Auffälligkeiten zeigen, die zunächst nicht mit einer Legasthenie in Verbindung gebracht werden

  • ein geringes Selbstwertgefühl,
  • Trödeln,
  • Überaktivität, allgemeine Unruhe,
  • Schulangst,
  • Magen-Darm-Probleme.

Nicht jedes legasthene Kind zeigt diese Verhaltensweisen und Merkmale.

Auffälligkeiten im Jugend- und Erwachsenenalter

Beim Lesen äußert sich eine Legasthenie in

  • Auslassungen, Ersetzen, Verdrehen oder Hinzufügen von Worten oder Wortteilen,
  • niedriger Lesegeschwindigkeit,
  • Startschwierigkeiten beim Vorlesen, langes Zögern oder Verlieren der Zeile im Text, ungenaues Phrasieren,
  • Schwierigkeiten beim Aufsagen des Alphabets,
  • Vertauschen von Wörtern im Satz oder von Buchstaben in den Wörtern.

Beim Leseverständnis fallen auf

  • Probleme, Gelesenes wiederzugeben, einer Unfähigkeit, aus Gelesenem Schlüsse zu ziehen oder Zusammenhänge zu erkennen
  • die Verwendung allgemeinen Wissens als Hintergrundinformation anstelle von Informationen aus einer besonderen Geschichte, wenn zu dieser besonderen Geschichte Fragen zu beantworten sind.

Im Bereich des Rechtschreibens

  • Reversionen: Verdrehungen von Buchstaben im Wort: (b-d, p-q, u-n)
  • Reihenfolge- oder Sukzessionsfehler: Umstellungen von Buchstaben im Wort (die-dei)
  • Auslassen von Buchstaben (auch-ach),
  • Einfügungen falscher Buchstaben
  • Regelfehler (Dehnung, Groß- und Kleinschreibung)
  • Wahrnehmungsfehler (Verwechslung von d-t, g-k) sowie
  • Fehlerinkonstanz dadurch, dass ein- und dasselbe Wort immer wieder unterschiedlich fehlerhaft geschrieben wird.

Zu beachten ist, dass diese Auffälligkeiten nicht stets gemeinsam auftreten müssen, sondern auch einzeln oder isoliert auf eine Legasthenie/LRS hinweisen können. Somit ist eine ausführliche Statusdiagnostik unverzichtbar und gleichzeitig die Grundlage für eine zielführende Intervention.
Die oben genannten Aufzählungen sind nur Beispiele und auf keinen Fall als vollständig anzusehen!

Ab wann ist eine Legasthenie erkennbar?

Auch nicht-legasthenen Kindern unterlaufen Fehler, welche typisch für Legastheniker sind – jedoch nicht so gehäuft und nicht andauernd. Kennzeichen einer Legasthenie können schon ab Mitte des 1. Schuljahres beobachtet werden.

Da legasthene Kinder durchschnittlich bis überdurchschnittlich intelligent sind, wird ihre Legsthenie häufig erst im 3. Schuljahr festgestellt. Zuvor konnten sie Strategien entwickeln, die ihre differente Wahrnehmungsweise verdeckten. So lernen diese Kinder Texte beispielsweise auswendig. Mit dem Anstieg der schulischen Anforderungen sind diese Möglichkeiten dann irgendwann ausgeschöpft.

Haben Sie Fragen zu Legasthenie und LRS?

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