Mira – Unser Maskottchen

Mira
Mira Das Maskottchen von Sozialtrainer.de

„Mira!“
Frau Berger guckt heute noch eine Spur strenger als gewöhnlich. Mira zieht eine Was-hab-ich-getan-Schnute, obwohl sie natürlich genau weiß, warum die Mathelehrerin sauer auf sie. Aber sie lässt sich nichts anmerken. Außerdem passiert es ihr jeden Tag in der Schule, dass ein Lehrer wegen ihr aus der Haut fährt.
„Mira! Es reicht!“

Frau Berger hebt die rechte Hand und läuft auf Mira zu. Sie sitzt in der letzten Reihe. Allein, weil es kein anderes Kind länger als einen Tag neben ihr aushält. Mira ist das böse Geschwür in der 5c. So hat es vor einer Woche Herr Gronstein gesagt. Er unterrichtet die Klasse in Erdkunde. Ein böses Geschwür ist Mira also. Und es besteht die Gefahr, dass die anderen Kinder von ihr angesteckt werden.

„Mira! Ich weiß nicht, was ich noch mit dir anstellen soll.“
Frau Berger, die kleine und zierliche Mathelehrerin, bläst sich vor Mira zu einem riesengroßen, feuerspuckenden Drachen aus. Mira ahnt, was gleich kommt. Sie muss auf den „heißen Stuhl.“ Das ist eine Erfindung von Frau Berger. Alle Kinder zittern davor. Mira erwischt es mindestens zweimal in der Woche. Sie hasst es, wenn sie vor der ganzen Klasse auf diesem doofen Stuhl sitzen muss, der eigentlich gar nicht heiß, sondern ein ganz gewöhnlicher Stuhl ist. Aber jedes Kind gerät darauf ganz von selbst ins Schwitzen.

„Komm, Mira!“

Frau Berger bewegt den rechten Zeigefinger und hat sich von einem Drachen in eine Hexe verwandelt. Mira bleibt regungslos sitzen und schaut die kleine Hexe mit großen Augen an. Heute nicht, denkt sie. Heute werde ich mich nicht auf den Stuhl setzen und Frau Bergers dämliche Mathefragen beantworten. Ich bin doch keine Zirkusattraktion, die sich vor der ganzen Klasse vorführen lässt. Mira schüttelt stumm den Kopf.
„Mira! Ich sage es ungern zweimal!“

Jetzt wächst Frau Berger noch einmal zur Drachengröße, um im nächsten Augenblick zu einem winzigen Insekt zu schrumpfen. Mira muss lachen. Erst ein inneres Lachen, das außer ihr niemand hören kann, dann lacht sie laut und in allen Schattierungen. Ein helles Girren, ein schallendes Auslachen, ein polterndes Lachen purer Freude und ein spöttisches Kichern. Und weil Mira gerade so gut drauf ist, unterstreicht sie das Auslachen und die Freude und den Spott mit beiden Fäusten. Mit denen lässt es sich so herrlich auf den Tisch trommeln. Erst ein taktloses Hämmern, dann werden die Schläge rhythmisch und finden schließlich zu einem gleichmäßigen Takt: Tamtam …. Tam … Tamtatam …

„Mira!“

Schön wäre es, wenn Frau Berger jetzt anfinge zu tanzen. Aber sie steht stocksteif vor Mira und glotzt sie an wie ein Wesen von einem anderen Stern. Tamtam … Tam … Tamtatam … Das Trommeln und ihr Lachen haben zueinander gefunden und sind zu einer Einheit geworden. Mira hat es nun tatsächlich geschafft, die ganze 5c anzustecken. Plötzlich lachen alle in den hellsten und schrillsten Tönen. Völlig taktlos und unrhythmisch, einfach aus Freude am Spaß. Jonas zwei Reihen vor ihr hämmert nun auch mit beiden Fäusten auf den Tisch. Dann folgen Kathrin und Andrea. Die 5c wird zur Trommelwirbelgelächterklasse.
Frau Berger sieht auf einmal bemitleidenswert traurig aus. Aber das ist Mira schnurzpiepegal. Sie lacht und trommelt wie besessen und spürt eine eigenartige Freude in sich. Gleichzeitig breitet sich das Gefühl aus, gar nicht genau zu kapieren, was sie gerade tut. Vor ihren Augen tanzen dicke, schwarze Fragezeichen. Es werden immer mehr. Zwei tanzen aus der Reihe und pieken sie in den Arm. Obwohl es gar nicht so furchtbar wehtut, schreit Mira ganz laut „Aua!“ Die fetten, piekenden Fragezeichen vermehren sich mit großer Geschwindigkeit. Mira wird schwarz vor den Augen. Sie schnappt nach Luft wie ein Fisch, der ans Ufer gespült wurde.

„Mira!“

Frau Bergers Verzweiflungsruf kommt nicht bei ihr an. Plötzlich wird die Tür zum Klassenzimmer aufgerissen. Frau Dr. Malwitz rauscht herein. Die Rektorin schlägt die Hände über dem Kopf zusammen und findet keine Worte. Selbst wenn sie welche gefunden hätte, wären sie sowieso nicht gehört worden. Niemand hat das Eintreten der Rektorin bemerkt und das Lärmspektakel geht munter weiter. Nur Mira ist verstummt und hat die Arme verschränkt. Aber nicht wegen Frau Dr. Malwitz. Die vielen Fragezeichen haben ihr den Spaß verdorben. Nach und nach schweben sie in das Nichts zurück, aus dem sie gekommen sind.

„Frau Berger …“
Die Rektorin winkt wie eine Ertrinkende. Endlich haben alle in der Klasse gemerkt, das sie Besuch haben. Von irgendwo ein letztes klägliches Lachen, ein letzter Faustklopfer auf den Tisch. Frau Berger erwacht aus ihrer Starre und scheint sich zu fragen, ob sie das alles nur geträumt hat. Mira ist in sich selbst versunken und spürt ein eigentümliches Gefühl von Traurigkeit und Einsamkeit.
Frau Berger trottet mit gesenktem Kopf zur Rektorin, die erhobenen Hauptes vor der Tafel steht. Auf ihrer Stirn prangen ein paar Zornfalten. Sie redet im Flüsterton mit der Mathelehrerin, die ein paarmal nickt. Dann geht die Rektorin grußlos vor die Tür. Gleich darauf geht der Unterricht weiter. Nur Mira sucht einen Punkt an der Decke, der sie vielleicht zum Träumen anregt. Irgendwann steht ihre Mutter vor ihr wie vom Himmel gefallen. Sie nimmt ihre Tochter in die Arme, obwohl Mira das gar nicht will. Sie stellt keine Fragen, packt ihre Schulsachen in die Tasche und geht mit ihrer Mutter nach draußen. Innerlich grinst sie, weil ihr für heute der „heiße Stuhl“ erspart geblieben ist.

„Hab dich lieb“, sagt ihre Mutter, als sie im Auto sitzen.
„Ich dich auch“, antwortet Mira nach einer langen Pause.

Am Abend bekommt sie mit, wie ihre Eltern über sie reden. Es fallen Worte, die sie noch nie gehört hat. Hyperaktivität und Aufmerksamkeitsdefizit sind zwei davon. Aber die vergisst sie schnell wieder. Nur den Satz „Mira braucht Hilfe“ nimmt sie mit in den Schlaf.

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